Man sagt, das Leben besteht aus Atemzügen.
Für die meisten Menschen ist das nur eine Redewendung – etwas Poetisches, das man in einem Glückwunsch oder einem Kalenderblatt findet.
Für mich ist es wörtlich.
Jeder Atemzug ist eine Entscheidung, eine Anstrengung, manchmal eine Verhandlung mit meinem eigenen Körper. Früher habe ich nicht darüber nachgedacht. Ich bin gelaufen, gesprungen, habe Treppen genommen, ohne darüber nachzudenken, wie die Luft zu mir kam. Heute ist sie ein seltener Gast, der nie lange bleibt und immer seinen Preis verlangt.
Diese Aufzeichnungen sind keine Heldengeschichte. Sie sind keine Klage und keine Anleitung.
Es sind nur sieben Tage in einem Leben, in dem Atmen Arbeit ist – mal leichter, mal schwerer, aber nie selbstverständlich.
Wenn Sie diese Zeilen lesen, atmen Sie vermutlich ohne Mühe. Vielleicht erinnern Sie sich danach daran, wie wertvoll das ist.
Ich wache auf und brauche heute ungewöhnlich lange, um Luft zu bekommen. Die erste Minute ist ein Kampf, als würde ich unter einer dicken Decke liegen, die niemand anhebt.
Das Licht fällt hart durchs Fenster, kalt und ohne jede Sanftheit. Es streift mein Gesicht, zwingt mich fast, die Augen zu öffnen, obwohl ich mich lieber noch ein paar Atemzüge in der Dunkelheit verstecken würde.
Der Weg in die Küche zieht sich. Der Sauerstoffschlauch schleift wie eine lästige, leblose Schlange hinter mir her. Das Frühstück – ein halbes Brötchen, ein lauwarmer Kaffee – fühlt sich an wie eine sportliche Leistung. Ich kaue, halte inne, kaue weiter. Der Puls geht hoch.
Als der Postbote klingelt, will ich aufspringen, aber schon das erste Aufstehen bringt mich ins Keuchen. Das Klopfen an der Tür klingt wie ein Vorwurf. Ich bin zu spät. Wieder.
Am Nachmittag höre ich Musik. Die Töne steigen und fallen, wie mein Atem es nicht mehr kann. Mit geschlossenen Augen bin ich leicht, fast körperlos. Am Abend ist mein Atem flach, mein Körper erschöpft. Ich lege mich früh hin.
Ich wache auf, atme flach, aber heute ohne Panik.
Mein Körper schenkt mir einen kleinen Vorsprung. Ich wage eine Dusche – warmes Wasser prasselt auf die Haut, riecht nach Seife und ein bisschen nach Vergangenheit. Das Rauschen klingt wie Regen an einem sicheren Ort. Danach bin ich müde, aber auch stolz.
Mittags sitze ich auf dem Balkon. Die Luft ist kühl und klar, trägt den Duft von feuchter Erde und Holzrauch zu mir. Ich höre Vögel, vereinzelt Stimmen von Passanten. Jeder Atemzug kostet Kraft, aber er bringt auch etwas zurück – Erinnerung an Tage, an denen ich noch Teil dieser Geräusche war.
Am Abend telefoniere ich mit meiner Tochter. Wir lachen, einmal sogar laut. Das Lachen treibt mir Tränen in die Augen – aus Freude und aus Anstrengung zugleich.
Schon beim Aufwachen brennt meine Brust. Die Nacht war ein unruhiges Meer, in dem ich ständig nach Luft schnappte. Jeder Schritt zum Badezimmer fühlt sich an wie das Tragen eines undichten Eimers voller Wasser – je weiter ich gehe, desto weniger bleibt mir.
Beim Zähneputzen muss ich dreimal pausieren. Der Spiegel zeigt ein blasses, müdes Gesicht mit Augen, die älter aussehen, als sie sind. Ich verbringe den Tag zwischen Bett und Sessel. Draußen regnet es, das Geräusch ist gleichmäßig, beruhigend – und erinnert mich daran, wie weit weg die Welt geworden ist.
Das Aufstehen ist mühsam, aber mein Atem beruhigt sich schneller als gestern. Ich wage, eine Schublade aufzuräumen. Staub kitzelt in der Nase, zwingt mich zum Husten, nimmt mir den Faden.
Nachmittags hole ich ein altes Fotoalbum hervor. Gesichter, Orte, Momente. Sie wirken wie eine andere Welt. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: „Damals habe ich all das nicht bemerkt.“
Am Abend leuchtet der Himmel orange. Ich öffne kurz das Fenster, atme vorsichtig. Die Luft schmeckt ein kleines bisschen leichter.
Heute ist jeder Atemzug schwer wie nasses Holz. Die Luft in der Wohnung hängt wie ein dichter Vorhang.
Selbst Trinken ist mühsam. Am Nachmittag versuche ich, mich zu waschen, aber muss abbrechen. Die Welt dreht sich, mein Herz hämmert, mein Körper wehrt sich. Ich sinke ins Bett, höre nur noch das Zischen des Sauerstoffgeräts. Das Geräusch lullt mich ein, bis ich in einen flachen Schlaf gleite.
Der Morgen beginnt besser. Nicht gut – aber besser. Ich schaffe es, frisches Obst zu schneiden. Der Duft der Mandarine ist scharf und sonnig, ein Hauch von Sommer in dieser stickigen Luft.
Ich lutsche die Stücke langsam, als wollte ich sie festhalten. Später telefoniere ich mit einer Freundin. Wir lachen, schweigen, und manchmal füllt mein Atem die Pausen zwischen den Sätzen.
Am Abend lese ich ein paar Seiten in einem Buch, bis die Buchstaben verschwimmen. Die Müdigkeit fühlt sich heute wie ein sanfter Abschluss an, nicht wie eine Niederlage.
Ich wache früh auf. Das Licht ist weich, beinahe freundlich. Ich sitze lange am Fenster, sehe, wie Familien spazieren gehen, Hunde an der Leine, Kinder auf Rollern.
Mein Atem zieht in der Brust, aber heute ist da auch ein leises Glück: Ich bin noch hier.
Mittags esse ich Suppe, danach lege ich mich hin. Die Stille im Zimmer ist dicht, fast greifbar. Nur mein Atmen füllt sie.
Am Abend schreibe ich diese Zeilen. Ich frage mich, wie viele Wochen es noch werden – aber heute will ich nicht zählen. Heute reicht es, dass ich den Sonntag bis zum Ende sehen kann.
Sieben Tage. Manche leicht wie eine Feder, andere schwer wie ein Stein im Wasser. Wenn ich zurückblicke, sehe ich keine Siege, die andere feiern würden. Ich sehe Schritte. Kleine, mühsame Schritte.
Und doch tragen sie mich weiter.
Vielleicht ist das alles, was zählt: nicht aufzugeben, auch wenn jeder Atemzug Arbeit ist.
Morgen beginnt eine neue Woche.
Und so lange ich noch zählen kann – eins… zwei… drei… – werde ich weitermachen.